Der Reiche und der Schneider aus Frankreich

In der Stadt lebte ein armer Schneider, der war stets fröhlich und zufrieden. Morgens, wenn er aufstand, pfiff er mit den Vögeln um die Wette lustige Weisen, bei der Arbeit sang er muntere Liedchen, und abends spielte er für Frau und Kind auf der Fiedel. Nicht selten kamen die Nachbarn zu Besuch, und sie machten gemeinsam Musik. So arm der Schneider auch war, so führte er doch ein glückliches Leben. Sein Nachbar war ein reicher Kaufmann und stets mürrisch und unzufrieden. Morgens störte ihn das Pfeifen des Schneiderleins, tagsüber das Singen und abends das Fiedelspiel und der Lärm der lustigen Nachbarn. So reich der Kaufmann auch war, so führte er doch ein unglückliches Leben. Und so grübelte er darüber nach, wie er den Schneider zum Schweigen bringen könne. Er wollte gar das Haus des Schneiders kaufen, doch das gehörte dem Bürgermeister, der es nicht hergeben wollte. Schließlich fasste der Kaufmann einen Entschluss. Er lud den Schneider zu sich ein, tat ihm freundlich, lobte seine vollendete Nachahmung der Vögel, seine Lieder und sein Fiedelspiel. Der Schneider wunderte sich sehr, denn oft hatte er den Nachbarn über all den fröhlichen Lärm schimpfen hören. Dennoch freute er sich über das Lob. Der Kaufmann lächelte, zog einen Beutel voller Goldtaler heraus – mehr als der Schneider in vielen Jahren verdienen konnte – und überreichte ihn dem Schneider, der nicht wusste, wie ihm geschah. Als er nach Hause kam, verbarg er den Beutel unter seinem Mantel und erzählte Frau und Kind nichts davon. Stattdessen schlich er in die Kammer, verschloss die Tür hinter sich und betrachtete den Schatz. Das glänzende Gold blendete die Augen und das Herz des Schneiders und er sah das kalte Gold an wie den warmen Körper einer Geliebten. Er verstaute das Gold wieder im Beutel und sann über ein Versteck nach. Schließlich verbarg er es unter dem Bett. Doch mitten in der Nacht wachte er auf und glaubte, dass Diebe das Gold stehlen wollten. Das Versteck war doch zu unsicher. Und so nähte er das Gold in Kissen ein. Bald war ihm auch dieses Versteck nicht sicher genug und er ersann ein neues. Morgens pfiff er nicht, denn er war erschöpft von den Albträumen, in denen Räuber ihn um seinen Schatz brachten. Tagsüber sang er nicht, da er an das Gold dachte. Er arbeitete auch kaum noch, denn er war ja nun reich. Aber ausgeben wollte er das Gold auch nicht, er wollte es besitzen. Und so schien die Schneiderfamilie noch ärmer zu sein als zuvor. Es wurde auch trostloser, denn der Schneider spielte abends nicht mehr die Fiedel, und Nachbarn wollte er nicht gern zu Besuch, da die vielleicht das Gold finden und stehlen würden. Der Reiche saß am Fenster und lachte: Genau so hatte er es geplant. Und dabei waren die Taler falsche, aus Katzengold. Das Herz des Schneiders war vom Gold verblendet, doch nicht vollends, da er ein guter Mensch war. So sprach er eines Tages mit seiner Frau, und die schalt ihn einen Toren: Das Gold war nicht ehrlich erworben und brächte kein Glück. Und wäre es denn ehrlich erworben, wäre es zu nichts nütze, wenn es die Fröhlichkeit koste. Das sah der Schneider ein. Und noch am selben Abend klopfte er an des Nachbarn Tür und sprach: »Lieber Nachbar, dein Gold lastet zu schwer auf meinem Herzen. Es ist viel besser bei dir aufgehoben.« Bevor der Reiche antworten konnte, war der Schneider auch schon davon. Am nächsten Morgen hörte man den Schneider wieder mit den Vöglein um die Wette singen und sein Jubilieren war von solcher Fröhlichkeit, dass er an diesem Tag den Wettstreit gewann.

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